„Die reaktionärste Einrichtung der Bundesrepublik ist die Kultusministerkonferenz; im Vergleich dazu ist der Vatikan noch weltoffen.“

In der Sendung „der Tag“ auf hr2 gab es gestern eine Interessante Sendung zum Thema Behinderung und Schule, die Ausgrenzung von Behinderten im Bildungssystem und die Engstirnigkeit vieler Kultusminister, integrative Schulwege zu gestalten.

Leider dient hier das Land Hessen als Negativbeispiel. Mich hat das ganze ganz schön geschockt. Aber was kann man schon erwarten, in einem Bundesland, dessen ehemalige Kultusministerin Religionsunterricht im Biologieunterricht für gut geheißen hat.

Hier also der Link zur Sendung:

Zitat: Helmut Kohl

“Vorzeigebehinderungen”, Teil 2.

Körperlich Behinderte fahren immer Rollstuhl

Im ersten Teil ging es um Sehbehinderungen, hier geht es um motorisches. Der „Vorzeigebehinderte“ für motorische Einschränkungen ist meistens – genau – Rollstuhlfahrer. Warum?

Die Frage ist – meiner Meinung nach – einfach zu beantworten: Er ist am auffälligsten. Sein Hilfsmittel ist das größte (räumlich) und schränkt immer noch extrem ein: Treppen sind tabu, Rampen/Gefälle dürfen nicht zu stark sein.

Krücken sind auch ein beliebtes Hilfmittel, neben Gehstöcken, sind aber bei weitem nicht so sperrig wie ein Rollstuhl.

Nachtrag zu „Vorzeigebehinderungen Teil 1“

Besser hätte das Timing nicht sein können. Kurz nachdem ich den Artikel „Vorzeigebehinderungen“, Teil 1. geschrieben habe, entdeckte ich bei ChaosRadio Express eine neue Podcastfolge über Barrierefreiheit im Web:

Accessibility war lange Zeit das schwarze Schaf im Web, kommt aber durch eine Reihe von Gesetzen zur Verfplichtung zur Barrierefreiheit und auch durch einen brandneuen Standard der W3C zu neuer Aufmerksamkeit. Im Gespräch mit Tim Pritlove erzählen Tomas Caspers und Jan Eric Hellbusch von der Entstehung der Accessibility-Bewegung, über technische Standards und was man bei Ihrer Anwendung berücksichtigen sollte.

Unter anderem geht es um folgende Themen: Geburt des Web Standards Project, Auswirkung der Farbwahl in Webseiten für Farbenfehlsichtige, Bedeutung der Struktur und semantischem Markup für Blinde, Vorteile von barrierefreiem Design für nicht-behinderte Nutzer, Screenreader-Programme und vergleichbare Funktionalitäten in Betriebssystemen, Aspekte der Gebärdensprache, Aufbau, Anwendung und Testbarkeit der Web Content Accessibility Guidelines der W3C, Gesetzliche Vorgaben und Verpflichtung zur Barrierefreiheit für Behörden und öffentliche Körperschaften und Accessibility für Podcasts.

Podcast bei Chaosradio Express.

Ich bin gespannt, was dabei rumkommt.

„Vorzeigebehinderungen“, Teil 1.

Okay, ein weniger provokantes und genauso aussagekräftiges Schlagwort ist mir jetzt nicht eingefallen, es tut mir ja auch leid, das ganze zielt nicht auf Diskrimierung oder die „Besserstellung“ der einen oder anderen Behinderung ab. Ich versuche nur mal darzulegen, was man im allgemeinen Sprachgebrauch als Pauschaleinschränkungen heranzieht, um Problemstellungen für Behindertengerechte Lösungen zu beschreiben.

Da ich als Webdesigner und Anwendungsentwickler (Schwerpunkt Webbasierte Informationssysteme) arbeite, fange ich doch gleich mal mit dem „besten“ an, welches mir am häufigsten begegnet:

Barrierefreie Webseiten sind für Blinde

Sicher, ganz falsch ist es nicht. Ein blinder Internetnutzer ist für den Designer das absolute Worst-Case-Szenario. Dieser Mensch sieht nicht, wie toll der Designer in Photoshop malen kann, dieser Mensch „sieht“, wie der Designer seine Seite geschrieben hat. Und dazwischen liegen meistens Welten. Ein guter Maler kann ja nicht automatisch gut Romane schreiben. Der Schriftsteller kann vielleicht auch nicht sonderlich gut malen, aber das sieht er ja auch nicht als seine Aufgabe. Bei den meisten Designern, die auch Webseiten bauen ist das allerdings eine rare Erkenntnis.

Barrierefreiheit betrifft auch Menschen, die schlechte Kontraste sehen können, die kleine Schriften schlecht lesen können, oder die sonstige Probleme mit der visuellen Wahrnehmung haben, auch der durchschnittliche Rot-Grün-Schwächelnde fällt schon unter die Zielgruppe der WAI. Ebenso jeder, der eine Lesebrille benötigt. Insgesamt ist die Zielgruppe der Initiative recht groß, die Problemstellung der WAI konkret und so gehalten, dass jegliche Form visueller Wahrnehmungsschwäche ebenso wie motorische Schwächen ausgeglichen werden können.

Die vierzehn Punkte zur Barrierefreiheit werden in der Wikipedia wie folgt gelistet:

  1. Stellen Sie äquivalente Alternativen für Audio- und visuellen Inhalt bereit.
  2. Verlassen Sie sich nicht auf Farbe allein (beim Auszeichnen von Struktur/Semantik).
  3. Verwenden Sie Markup und Stylesheets und erledigen Sie dies auf korrekte Weise.
  4. Verdeutlichen Sie die Verwendung natürlicher Sprache (verwenden Sie beispielsweise das HTML-lang Attribut für das gesamte Dokument und Teile in einer spezifischen Sprache).
  5. Erstellen Sie Tabellen, die geschmeidig transformieren (verwenden Sie Tabellen für tabuläre Daten, aber nicht für das Layout allein. Verwenden Sie die entsprechenden Elemente wie thead und tbody für die Auszeichnung von Tabellenbereichen).
  6. Sorgen Sie dafür, dass Seiten, die neue Technologien verwenden, geschmeidig transformieren (und damit auch auf älteren bzw. für Accessibility geeigneten Benutzeragenten lauffähig sind).
  7. Sorgen Sie für eine Kontrolle des Benutzers über zeitgesteuerte Änderungen des Inhalts (indem beispielsweise eine Abschaltung oder eine Verzögerung erlaubt wird – gilt im Besonderen auch für den Ablauf der Benutzersitzung oder für den Refresh von Seiten).
  8. Sorgen Sie für direkte Zugänglichkeit eingebetteter Benutzerschnittstellen (Applets/Skripts sollten über dieselbe Art und Weise wie die Browserschnittstelle selbst bedienbar sein).
  9. Wählen Sie ein geräteunabhängiges Design (unabhängig vom Eingabegerät, sei es Tastatur, Maus, Sprache, Kopfstab).
  10. Verwenden Sie Interim-Lösungen (bis die Standards in diesem Bereich von allen Eingabegeräten vollständig unterstützt werden).
  11. Verwenden Sie W3C-Technologien und -Richtlinien.
  12. Stellen Sie Informationen zum Kontext und zur Orientierung bereit.
  13. Stellen Sie klare Navigationsmechanismen bereit.
  14. Sorgen Sie dafür, dass Dokumente klar und einfach gehalten sind.

Wenn man alleine nur versuchen würde, als Webseiten“ersteller“ möglichst viele Punkte abzudecken, wäre das ein merklicher Schritt in Richtung barriereärmere Seiten, was eine absolute Verbesserung wäre. Im übrigen auch für den Seitenbetreiber:

Besonders die Punkte 1, 4, 5, 6, 9, 11, 12, 13 und 14 haben einen unbewussten aber damatischen Nebeneffekt: Sie verbessern die Wahrnehmung einer Seite in Suchmaschinen deutlich, sie verringern, wenn man gerade eine Seite mit vielen Tabellen gemäß Punkt 5. umsetzt, die Serverlast und den Traffic. Das bringt Besucher und spart dabei trotzdem Kosten. Und natürlich noch mehr Pluspunkte für Besucher der Webseite. Aber das ist für Entscheider viel zu oft kein Argument. Leider.

Das nächste mal geht es dann mit motorischen Einschränkungen weiter.

Rollstühle an Bahnhöfen

Auf dem Heimweg von Hamburg, letztes Jahr im August, waren wir Zeuge einer „Verladung“ von Rollstuhlfahrern, auf jeden Fall Sportler. Die beiden, ein Junge, ein Mädel (ich sag das jetzt mal so), hatten jeder einen Rennrollstuhl an der Hand und einen, auf dem sie saßen.

Für mich ein interessantes Bild, ich habe bis dahin die Rennrollstühle nur aus den Fernsehnachrichten, wenn Paralympics mal gezeigt wurden. Aus der Nähe betrachtet wirkt so ein „Rennrolli“ sehr beeindruckend, wenn man ein bisschen technische Ahnung hat. Zumindest empfand ich den Rennrollstuhl beeindruckend.

Interessant war an dem ganzen aber noch was anderes: Ich habe außer den beiden keinen dazu gehörenden Helfer entdecken können. Zwei Rollstuhlfahrer, 4 Rollstühle, Rucksäcke. Wahnsinn. Wenn ich das bedenke, dazu gehört ein immenser Aufwand, denn wenn ich mir unseren lokalen Bahnhof so ansehe: dort ist man als Rollstuhlfahrer wirklich aufgeschmissen, wenn man außerhalb der Zeiten von Mo-Fr. 06-18 Uhr Zug fahren möchte. Auf einem anderen Gleis als Nr.1. Treppen sind meines Wissens eine ziemliche Belastung.

Wenn ich mir überlege, welche relativ kleinen Änderungen es ermöglichen würden, auch einen kleinen Bahnhof barrierefrei, wenigstens aber barrierearm zu machen, was in den meisten Fällen schon ein gigantischer Fortschritt wäre, ist es echt armselig, dass es bei den meisten Bahnhöfen immer noch nicht der Fall ist. (Aber was man von der Bahn erwarten kann, hat man die Tage ja gesehen. Die werfen das Geld lieber für Stasi-Methoden raus. Oder Abmahnungen.)

Ich will mit der ganzen Geschichte auch keinem auf die Füße treten, aber ich bin davon ausgegangen, dass man als Rollstuhlfahrer – wenigstens bei größeren Fahrten – einen nicht-eingeschränkten Begleiter dabei hat. Die zwei kamen allerdings fast ohne eigene fremde Hilfe aus, lediglich beim Verstauen der Rennrollis half ein Bahnmitarbeiter mit Hebebühne, die es wohl extra für solche Fälle gibt.

Mich hat das jedenfalls wahnsinnig beeindruckt, wie selbstverständlich und souverän die beiden mit der ganzen Situation „Bahn fahren“ umgegangen sind. Ich weiss nicht, ich das so könnte. Ganz ehrlich: Hut ab vor solchen Menschen.

Wie sind eure Erfahrungen mit Behindertenfreundlichkeit?

Ich frage mal so in die Runde, in der Hoffnung, dass ich mal ein bisschen Feedback hier einsammeln kann.

Ich würde gerne ein bisschen erfahren, welche Erfahrungen ihr mit Behinderten oder dem Zugehen auf Behinderte erlebt habt. Egal ob es in Schule, Beruf, Uni, in der Öffentlichkeit oder sonstwo ist/war.

Habt ihr ein paar Geschichten?

Was ist Artikel 3 Absatz 3?

Bevor ich hier lang rumdruckse, dieses Blog bezieht sich auf den Artikel 3, Absatz 3 des deutschen Grundgesetzes, in dem es heißt:

Artikel 3

(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

quelle: dejure.org

Hier geht es speziell um Behinderte und ihr Leben in Deutschland. Jeder, der dazu beitragen kann und möchte, kann dies gerne tun, einfach in die Kommentare schreiben oder auf einer (demnächst) dafür eingerichteten Seite. Ob hier mehrere Stammautoren arbeiten werden bzw. wie das ganze hier in Zukunft vonstatten geht, kann ich derzeit noch nicht einschätzen, also bleibt es spannend.